OstseeTour Frühjahr 2017 # 7

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

das Herumstreifen in Wismar sowie die Tour um den Schlosssee in Schwerin war meiner Ferse offenbar zu viel und am Donnerstagmorgen meldete sie sich mit stärkeren Auftrittsschmerzen zurück, die erstmals schon in Fürstenfeldbruck aufgetreten, zwischenzeitlich aber nur schwächer ausgeprägt waren (Diagnose Fersensporn).

Tag 10 Donnerstag 25.05.2017 – Ostsee-Tour
Schwerin / Wolfsburg

Für die Stadterkundung in Schwerin nahm ich daher und auch wegen der weiteren Wege zwischen den Sehenswürdigkeiten das Rad. Neben dem Schloss konnte eigentlich nur noch der Dom im Hinblick auf sehenswürdig mithalten, Theater (1886) und Museum (1882) sind zwar repräsentative Bauten wie das Schloss (1857) im Stil der Neorenaissance, bilden jedoch diesen weniger verspielt ab. Das Schloss gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke des Romantischen Historismus (dem auch Schloss Lichtenstein 1842 sein Aussehen verdankt). Hier wie da standen am selben Platz aber schon seit alters her Burgen. In Schwerin ist um 965 eine slawische Burg verbürgt und erfuhr zumindest seit etwa 1500 größere Umbauten, die radikalsten dann im 19. Jh.

Obwohl die Innenräume in den meisten Schlössern mir mehr oder minder austauschbar erscheinen, habe ich mir eine Besichtigung gegönnt. Zugegeben sehenswert, aber längst nicht so wie sein Äußeres. Allerdings sind – wie bereits erwähnt – Teile des Schlosses durch den Landtag mit Beschlag belegt und andere Teile befinden sich noch in der Restaurierung. Besonders hervorzuheben sind die Schlosskirche und die Orangerie als Teil des Schlossgebäudes. Letztere wird nun als Restaurant genutzt. Auch die Parkanlage ist schön gestaltet, wenngleich die Blütenpracht wie zu Zeiten der BUGA 2009 heute wohl nicht mehr aufgeboten wird. Ein großer Spiel- und Aktionsplatz beim Schlossteich hat von damals überlebt und wird offensichtlich nicht nur am heutigen Vatertag gut angenommen. Diesem ist es geschuldet, dass direkt daneben der Platz von Jugendlichen okkupiert wurde und ab dem späteren Vormittag überlaut der Beat über das ganze Schlossareal bis in die Stadt hinein dröhnt.

Im Anschluss an die Schlossbesichtigung nahm ich die Kunst in der

Galerie Alte & Neue Meister. Kunstsammlungen Schwerin / Staatl. Museum Schwerin / www.museum-schwerin.de in Augenschein. Schwerpunkt der Sammlung alter Kunst liegt in der niederländischen Malerei nach 1650, weshalb man die allseits bekannten Namen wie Brueghel, Bosch, Vermeer, Rembrandt etc. dort nicht oder kaum antrifft. Trotzdem gilt Schwerin als eine der Referenzsammlungen zur niederländischen Malerei, da zumindest ab diesem Zeitpunkt und verstärkt im 18. Jh. nahezu alle bedeutenden Künstler vertreten sind. 2013 wurde diese Sammlung noch durch die Schenkung des früheren Mitherausgebers des Schwäbischen Tagblattes Tübingen, Christoph Müller, erweitert (seine Sammlung skandinavischer Künstler geht übrigens nach Greifswald). Eine Besonderheit von Schwerin stellt zudem die weltgrößte Sammlung des französischen Tiermalers Jean Baptiste Oudry (1686–1755) dar, dessen Rhinozeros Clara erst in jüngerer Zeit häufiger abgebildet wurde. Die neuen Meister repräsentieren ein Kabinett mit Skulpturen von Ernst Barlach, größere Werksüberblicke zu Günther Uecker und Marcel Duchamp (90 Werke), zu dem auch ein Forschungszentrum dort angesiedelt ist. Einzelne Werke sind aus allen Kunstrichtungen der Moderne ab 1900 vertreten (Corinth, Jawlensky, Pechstein, Heckel, Picasso, Polke und Spoerri). Ein Schwerpunkt liegt dabei natürlich auch auf Künstlern, die in der DDR gewirkt haben. Die Sammlung soll unter Einbeziehung der Werke in den Schlössern Schwerin, Güstrow und Ludwigslust über 100.000 Werke umfassen. Aktuell werden in einem Kabinett zur Schwarzen Kunst auch hervorragende Druckgrafiken von Albrecht Dürer gezeigt.

Museumsdidaktisch könnte die Sammlung allerdings anregender präsentiert werden. Anhand der Vielzahl ähnlicher Werke wirkt die Präsentation etwas erschlagend oder abstumpfend, was durch die gelegentliche Petersburger Hängung noch forciert wird.

Der bereits erwähnte Dom St. Marien und St. Johannis ist innerhalb der Stadt nicht wirklich dominierend, da er so eng von hohen Häusern umbaut ist, dass man ihn regelrecht suchen muss. Auch ist die Straßenführung nicht wie in anderen Orten auf herausragende Bauten (Schloss, Rathaus, Dom) zuführend, sondern mäandert gefühlsmäßig durch die Altstadt. Selbst der Ende des 19. Jh. ergänzte überragende Turm, der von weitem die Stadtsilhouette prägt,  ist aus den relativ engen Straßen heraus nur zufällig zu erspähen. Der Dom zählt jedoch neben Lübeck und Stralsund zu den frühesten Repräsentanten der Backsteingotik und ist auch innen sehenswert. Leider gingen die meisten bunten Glasfenster im Krieg verloren.

Meiner schmerzenden Ferse ist es zu verdanken, dass ich ihm wie auch der Stadt nicht die nötige Aufmerksamkeit mehr schenken wollte. Stattdessen trat ich den weiteren Heimweg an und machte lediglich in Wolfsburg noch einen kurzen Zwischenstopp. Im dortigen Kunstmuseum Wolfsburg / www.kunstmuseum-wolfsburg.de  wollte ich mir unbedingt die Ausstellung Hans op de Beeck. Out Of The Ordinary ansehen, die auch tatsächlich das Ereignis war, welches Kulturberichte mir versprochen haben. Der Bildhauer und Installationskünstler gestaltete ein vielfältiges Werk auf anderthalb Etagen des Museums, das mehrere Sinne ansprach. Mich beschlich der Eindruck, dass der Künstler das Faible für Modelleisenbahnanlagenbau in seinen Kunstinstallationen nun als Modellgestalter voll auslebt. Einerseits verfremdet er seine inszenierten Modellräume durch Reduktion auf meist nur eine Farbe (grau, schwarz, weiß – ergänzt durch Licht oder Feuerrot), lädt jedoch die Modelllandschaften und Inszenierungen durch Musik, Geräusche, Gerüchen, Dunkelheit zu meditativen Erlebnissen auf. Grandios.

In einer zweiten Ausstellung Pieter Hugo. Between The Devil And The Deep Blue Sea präsentiert das Museum den südafrikanischen Fotografen mit einem Querschnitt aus seinem Werk, welches zwischen Porträt und Fotodokumentationen pendelt, sowohl die privaten Lebensumstände wie die politischen in verschiedenen afrikanischen Ländern, aber auch in China und anderswo in beeindruckenden Aufnahmen wiedergibt.

Mein Kalkül bzgl. Vatertag ging voll auf. Die Straßen waren, als ich kurz nach 18 Uhr meine Rückfahrt antrat, auf der kompletten Strecke weitgehend leer.

So long und beste Grüße bis zum nächsten Mal

Atze