Ostdeutschland-Tour Frühjahr 2017 # 6

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

während des Abends und angeregt durch einen kurzen Schauer haben mich der Blick auf die Wetterprognosen sowie der bevorstehende Osterferienreiseverkehr zu einer spontanen Umplanung bewogen. Für Donnerstag war zwar in der ersten Tageshälfte Sonne angekündigt, die später unbeständigem Wetter mit Regenfällen Platz machen sollte, der Freitag war durchgehend mau und im Laufe des Samstags sollte es wieder freundlicher werden, allerdings bei deutlich gesunkenen Temperaturen. Nicht wirklich das Wetter, was man sich für den Besuch von Sanssouci wünscht. Kurzum, ich habe entschieden, dass ich am Donnerstagmorgen das Zentrum von Potsdam anschaue, dann ins Museum Barberini gehe und die Rückreise über die Kunststationen Leipzig, Halle und Erfurt starte.

Daher wollte ich mich stellplatzmäßig besser postieren und habe an die Straße beim Lustgarten/Lustgartenwall umgeparkt. Die dortigen Straßenparkflächen waren alle frei und per nächtlichem Geldeinwurf (20min/0,50 €) habe ich mir meinen Parkplatz von 8 Uhr bis 12 Uhr gesichert (übrigens befindet sich unterhalb des Lustgarten derzeit noch ein offizieller privater Parkplatz für Womos für 10 €/24 h, wie ich bei einem späteren Rundgang entdeckt habe – ob der aber länger Bestand haben wird, ist fraglich, da er innerhalb des Altstadtsanierungsgebietes liegt und überall neue Gebäude hochgezogen werden oder Plätze in der Absicht umgestaltet werden, das historische Stadtbild wieder herzustellen).

 

Tag 8 Donnerstag 6. April.2017 – Ostdeutschland-Tour
Potsdam / Leipzig / Halle / Erfurt

Die Nacht war sehr ruhig, lediglich nach 7 Uhr fing an verschiedenen Ecken der Baulärm an – von einer strahlenden Sonne beschienen. Also hieß es, die Zeit bis zur Sonderöffnung des Museums um 10 Uhr (macht offiziell erst ab 11 Uhr auf) nutzen, damit ich von Potsdam was zu Gesicht bekomme. Erster Schreck beim Tritt aus dem Womo: trotz wolkenfreiem blauen Himmel und Sonne herrscht draußen eine wirklich klirrende Kälte. Mit dem Rad bin ich dann die ca. 800m ins Zentrum Am Alten Markt gefahren. Dort versammeln sich in alter Kulisse die beherrschende Nikolaikirche, ihr zur einen Seite das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte und auf der anderen ein verranztes Relikt DDR-Architektur, allerdings mit einer Fassadenkopie eines Bankgebäudes Mies van der Rohes, das dieser 1962 in Des Moines, Iowa, USA, errichtete, verblendet. In diesem Bau war ursprünglich das Institut für Lehrerbildung der DDR untergebracht, heute nutzt es noch die Fachhochschule, allerdings soll es noch Ende dieses Jahres abgerissen werden. Der Nikolaikirche gegenüber stehen eine Rekonstruktion des kriegsbeschädigten und zu DDR-Zeiten abgerissenen Stadtschlosses, in welchem heute der brandenburgische Landtag residiert und daneben das im Januar eröffnete Museum Barberini. Zwischen beiden die kurze Humboldtstraße (Tourist Information Am Alten Markt) und auf dem Platz steht der 1753 errichtete Marmorobelisk.

Wenn die Baulücke an Stelle des Lehrerbildungsinstituts auch entsprechend historisierend geschlossen sein wird, hat Potsdam sein bis zum zweiten Weltkrieg bestehendes Kern-Stadtbild wieder. Was fehlt, ist aber eine Belebung durch Gastronomie. Diese befindet sich jedoch am anderen Ende der Humboldtstraße bei Langer Brücke und Landungsstelle der Weißen Flotte. Über die Lange Brücke gelangt man auf halbem Wege zur Freundschaftsinsel und am Ende zum Nuthe-Park, beide im Rahmen der BuGa Anfang des Jahrtausends aufgehübscht. Etwas abseits des Kerns steht als barocker Längsbau das Filmmuseum (direkt beim Übergang zum Lustgarten-Bereich).

Alles relativ rasch erkundet, so dass die wirklich eisige Kälte mich allzu gern in ein Café getrieben hätte – leider hatte weit und breit keines geöffnet. So harrte ich sonnenbeschienen und dadurch leidlich angewärmt auf der Freundschaftsinsel aus.

Das Museum Barberini / www.museum-barberini.com startet mit einem Blockbuster: Impressionismus. Die Kunst der Landschaft (noch bis 28.05.2017). Gegenwärtig sind die Öffnungszeiten wegen des Besucherandrangs erweitert. Es empfiehlt sich ggf. Online ein Zeitfenster für den Einlass zu reservieren, zumal es einem auch das Anstehen an der Ticketkasse erspart. Ich hab es nicht gemacht, da ich mir nicht sicher war, wann ich in Potsdam sein werde und kurzfristig scheiterte es dann am nicht vorhandenen Drucker. Hierzu habe ich allerdings erfahren, dass es wohl ausgereicht hätte, wenn ich das Onlineticket auf Smartphone oder Tablet mitgeführt hätte. Ich hatte aber auch so Glück und wurde nach kurzer Warteschlange (ca. 15 Personen vor mir) gleich hineingelassen. Das war auch gut so, weil eine Stunde später füllten sich die Säle doch so, dass die Bilder nicht mehr so mit Muse betrachtet werden konnten.

Die Ausstellung ist m.E. ein wahres Highlight, zumal weil neben einigen sattsam bekannten Bildern vor allem viele herausragende Bilder von Monet & Zeitgenossen hängen, die aus Privatsammlungen und daher selten oder nie zu sehen sind. Ich war hin und weg. Auch wenn es jetzt schon fast zwei Monate her ist, dass ich Monet in der Fondation Beyeler gesehen habe und auch sehr begeistert war, so würde ich der Potsdamer Ausstellung den Vorzug geben. Wer also bis Mai in die Nähe der Hauptstadt kommt und mit Impressionismus was anfangen kann, sollte sich den Abstecher nicht verkneifen. Eine so hochkarätige Präsentation wird man nicht alle Tage wieder sehen. Zu beachten ist allerdings, dass sich die Ausstellung auf Landschaftsdarstellungen beschränkt.

Daneben wird noch eine zweite Ausstellung Klassiker der Moderne. Liebermann, Munch, Nolde, Kandinsky gezeigt. Auch mit sehr schönen Arbeiten, allerdings vom Umfang her eher als Beifang zu werten. Dies gilt noch stärker für die weiteren drei Ausstellungen: Skulpturen von Rodin in Beziehung zu Monet; Abstrakte Moderne von Richter bis Francis; Kunst der DDR.

Kein Wunder also, dass mir die Zeit davon geronnen ist und ich die Parkzeit überzog. Der dadurch aufkommenden Hektik und dem Trubel im Foyer ist es zu verdanken, dass ich völlig vergaß, mir den Katalog zu besorgen, was mir leider erst während der Fahrt nach Leipzig eingefallen ist. Jetzt muss ich auf anderen Wegen schauen, an ihn zu kommen – notfalls bestellen. [Dank an Eddi fürs Besorgen!!!]

Nach einer entspannten Autobahnfahrt konnte ich in Leipzig im Bereich der Keilstraße/Gerberstraße einen Parkplatz ergattern, obwohl der dortige eigentliche Parkplatz überraschenderweise aktuell eine Baustelle ist und wohl endgültig von der Bildfläche verschwindet. Von dort aus sind es nur wenige hundert Meter zum Museum der bildenden Künste / www.mdbk.de, das aktuell eine grandiose umfangreiche Zusammenstellung zu Nolde und die Brücke zeigt. Ein weiteres Highlight für den heutigen Tag.

Beschwingt konnte ich die Heimreise zum nächsten Zwischenziel fortsetzen. Eigentlich wollte ich die Sonderausstellung Hortus. Markus Matthias Krüger im Panorama Museum Bad Frankenhausen anschauen, aber mein Navi signalisierte mir, dass es dafür zeitlich sehr knapp werden würde. Näher lag da ein anderes Ziel, nämlich die Ausstellung Alexej von Jawlensky + Georges Rouault in der Staatlichen Galerie Landesmuseum Moritzburg Halle/Saale. Dort bestätigte sich meine bisherige Position zu beiden Künstlern. Jawlensky begeistert mich immer wieder, Rouault ist mir zu düster.

Glücklicherweise hat die Kunsthalle Erfurt / www.kunstmuseen.erfurt.de am Donnerstag bis 22 Uhr geöffnet, so dass ich dort die beeindruckende, aber auch bedrückende Fotoausstellung von Sebastiao Salgado. EXODUS besuchen konnte. Die Aufnahmen sind vor 20-25 Jahren in den Krisenregionen der damaligen Welt entstanden und dokumentieren die Lebensumstände in den Slums, den Flüchtlingsunterkünften oder die Bedrohung der Lebensumwelt in bis auf Australien allen Kontinenten – vom Balkan über Naher Osten, Arabien, Indien, China, Afrika, Südamerika und Mexiko/USA. Erschreckend festzustellen, dass es zwar in einzelnen Regionen friedlicher und die Lebensumstände besser geworden sind, vielfach aber unverändert oder gar schlimmer dastehen und neue Problemregionen hinzugekommen sind. Bei aller inhaltlichen Bedrücktheit ist aber die fotografische Meisterschaft in den Schwarzweiß-Fotografien von Salgado zu bewundern. Nach seinem mahnenden Hoffnungswerk GENESIS über die gefährdeten Schönheiten der Erde und ihrer Schöpfung ein weiteres fotografisches Highlight, in Erfurt aber leider nur noch bis 23.04.2017 zu besichtigen.

Kurz vor ein Uhr habe ich meine verkürzte Tour wohlbehalten, wenn auch mit geschundenen Füßen, daheim beendet.

Jetzt geht es ans Sichten der Eindrücke und Fotos und an die Planung der nächsten Tour(en). Da trifft es sich, dass im Briefkasten der aktuelle DUMONT zum Thema RÜGEN lag und demnächst ein Band zu Mecklenburg-Vorpommern erscheinen soll, Ziele, die ich für dieses Jahr sowieso im Visier hatte.

 

Beste Grüße für diesmal

Atze