Norddeutschland-Tour Frühsommer 2016  # 1

Norddeutschland-Tour Frühsommer 2016  # 1

 

Hallo,

da dieser Tourbericht primär Hinweise zu besuchten Ausstellungen und dazwischen eingestreut Womo-Erfahrungen enthält, habe ich für die nachträgliche Veröffentlichung  im Jahr 2019 auf der Webseite die meist ja überholten Ausstellungshinweise nur soweit übernommen, wie es für den Reiseverlauf oder den Textfluss unumgänglich ist oder zeitunabhängige Information enthält.

Da Fotos in den Ausstellungen – wenn überhaupt – nur zu privaten Zwecken zugelassen sind, fällt demzufolge die Bebilderung der Berichte spärlich aus, zumal unterwegs dann auch noch die Kamera ihren Geist aufgegeben hat.

 

Kurz bevor ich das Arbeitsleben beende und die große Freiheit beginnt, habe ich mir die kleine Freiheit genommen, Job und Urlaubstour zu verbinden. So wie ich die letzten Jahre auch in Urlaubszeiten mit kleiner Flamme durchgearbeitet habe, habe ich mir für diese terminfreie Woche Urlaub gegeben und erledige das Erforderliche vom mobilen Büro aus. Nur die Telefonberatung fällt Mo/Do mal für eine Woche aus.

 

Tag 1 Sonntag, 19. Juni 2016 – Jena / Halle / Berlin

Am frühen Sonntagmorgen bin ich Richtung Berlin gestartet. Erfreulicherweise war der Wettergott gnädig und hat nur zweimal kurz auf der Strecke Nieselregen fallen gelassen. Erster Zwischenstopp machte ich bei den Kunstsammlungen Jena (Stadtmuseum Göre, Markt 7). Noch bis 14.08.2016 kann dort unter dem Titel „La femme au miroir“ eine Auswahl Druckgrafik aus der Coninx-Stiftung Zürich besichtigt werden, die sich auf die klassische Moderne konzentriert, von den Impressionisten bis Picasso.

Weiter ging es nach Halle/Saale. Dort im Kunstverein Talstraße läuft noch bis 24.07.2016 unter dem Titel „Eros und Apokalypse“ eine sehr sehenswerte Ausstellung zum Rudolf Schlichter. Der Calwer war Zeitgenosse und Weggefährte von George Grosz und Otto Dix, Mitbegründer der Novembergruppe nach dem ersten Weltkrieg.

Die sehenswerten Ausstellungen in der Moritzburg Halle/Saale habe ich ja im April in den Atze Kunstnews erwähnt, die ich bereits Ostern besucht habe und die noch bis zum Sommer zu sehen sind (Slg. Hahnloser Winterthur / Expressionisten). Nebenbei sei noch erwähnt, dass in Halle seit einigen Jahren auch das ursprünglich in Köln gegründete Beatles-Museum beheimatet ist. Besichtigung vielleicht ein andermal.

Den Abschluss bildete endlich der Besuch der Liebermann-Villa am Wannsee. Beeindruckendes Sommerhaus mit einem großzügigen Garten, der nach alten Plänen und den über 200 Bildern des Malers Max Liebermann rekonstruiert wurde, nachdem die Nazis ihn platt gemacht hatten. Nachdem endlich der Sommer ein freundliches Gesicht gezeigt hat, konnte ich auf der schönen Terrasse zum See hin eine lecker Trinkschokolade und eine Rhabarber-Käsekuchen genießen.

Da ich nicht mehr durch die Stadt fahren wollte, habe ich mein Quartier auf dem City Camp 2 von Hettler & Lange in Kleinmachow (Nähe Wannsee und Potsdam, Bäkehang 9a) direkt am Wasser aufgeschlagen. 13 € pro Tag (6 € Womo, 5 € Person, 2 € Pauschale). ÖNV ist allerdings ca. 1,2 km entfernt (Bus bis Bahnhof Wannsee, dann direkt zum Brandenburger Tor etc.). Mal sehen, was ich morgen dazu anzumerken habe.

Habe mir übrigens die APP der Berliner Verkehrsbetriebe installiert und für morgen eine Tagesticket online aufs Handy gebucht [7 €). Lohnenswert könnte für touristische Unternehmungen stattdessen auch die Berlin Welcome Card für 48 Std. sein (ca. 20 €) – gibt’s auch für 3 und mehr Tage. Neben der freien ÖNV-Benutzung gibt es Preisnachlässe bei Museen und touristischen Attraktionen. Da ich mit ArtCard und Schwerbehindertenausweis bei den meisten Ausstellungen sowieso günstiger reinkomme, war sie für mich diesmal nicht so interessant.

 

Tag 2 Montag, 20. Juni 2016 – Berlin

Angenehm ruhige Nacht direkt am Wasser. Der Campingplatz war wohl ursprünglich Grenzgebiet, denn der Wachturm ist jetzt Serviceraum (Waschmaschinen etc.), rechts und links davon die Sanitärräume. Die sehr ordentlichen Toiletten habe ich schon genutzt, wohingegen nach der heutigen anstrengenden und verschwitzten Berlintour habe ich erstmals meine „heimische“ Dusche ausprobiert. Bin sehr zufrieden damit. Bewegungsraum ist selbst für mich ausreichend, das Wasser fließt durch die 3 Abflüsse problemfrei ab und auch der Putzaufwand (Wände abstreifen, Wanne trocknen) hält sich in Grenzen.

Glück hatte ich morgens, dass ich mir einen zwanzigminütigen Puffer eingeräumt habe, weil nicht den direkten Weg zur Bushaltestelle genommen, sondern unabsichtlich einen großen Bogen geschlagen (25 Minuten). Abends dann dafür eine unbekannte Abkürzung mit einem Holländerpärchen, was den Weg auf ca. 10 Minuten verkürzt hat. Sowohl Montag wie Dienstag hat sich die Verbindung nach Wannsee als hervorragend ergeben. Neben den S-Bahn fahren auch deutlich schnellere RE, die mit der Tageskarte benutzt werden dürfen. Wenn ich wieder nach Berlin komme, werde ich dem Campingplatz wohl wieder den Vorzug geben.

An Ausstellungen stand am Montag zunächst eine interessante Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus (neben dem Brandenburger Tor) zu Harry Graf Kessler auf dem Programm (noch bis 21.08.2016). Selbst kein Künstler, sondern eher Lebemann (reiches Erbe) und Kunstvermittler, zeitweilig auch ehrenamtlicher Museumsdirektor in Weimar. Er spielte um die Jahrhundertwende 19./20. Jhdt. eine zentrale Rolle in der Kultur- und Kunstvermittlung (neben Kunst auch Musik und Theater) und hat über seine Bekanntschaft zu Künstlern (u.a. Munch, Impressionisten, Picasso, Liebermann etc.) eine bedeutende Sammlung aufgebaut, die noch in Auszügen zu sehen war – das meiste davon allerdings nur noch in Reproduktionen, da er die Sammlung nach dem ersten Weltkrieg und während des Exils in den 30igern zur Sicherung des Lebensunterhaltes verscherbeln musste. Darunter zentrale Bilder von Monet, Renoir und vor allem Seurat. Leider ein dürftiger Katalog, welcher der auch medial hervorragend aufbereiteten Schau nicht annähernd gerecht wird und daher nicht in meinen Bestand überging.

Anschließend eine kurze Fahrt zum Potsdamer Platz und dort in einer Seitengasse zwei sehenswerte Ausstellungen der Daimler Contemporary Berlin (im Haus Huth) gesehen (noch bis 08.11.2016):  Adolf Fleischmann (Schwerpunkt lag auf dem bedeutenderen Mittel- und Spätwerk, für dessen abstrakte Arbeiten er bekannt ist – eine schöne Ergänzung zur Schau, die ich mit Martin unlängst in Ingolstadt gesehen habe). Daneben wurden Cowboy-Fotos von Dieter Blum präsentiert, das ist der Fotograf, der die bekannte Zigarettenwerbung gestaltet hat, nur dass hier neben den Heroes auch etwas mehr vom Mythos Cowboys gezeigt wurde.

Nachmittags erfüllte ich mir dann den lang verschobenen Wunsch, das Georg Kolbe Museum endlich zu besichtigen. Kolbe – toller Bildhauer, der in Deutschland den Übergang von der realistischen Skulptur zur tendenziell reduzierten Form vorbereitet hat (aber selbst noch dem Gegenstand verhaftet). Die gleichzeitig präsentierte Rodin-Ausstellung zur japanischen Geisha-Darstellerin Hanako war etwas monoton (noch bis 18.09.2016). Ich hätte stattdessen gerne mehr von Kolbe gesehen. Ganz schwach: Über den Künstler gab es nur eine dünne Monografie von 1971, die für 5 € den Besitzer gewechselt hat. Dafür jede Menge Kataloge über spätere Bildhauer.

Abschließend dann noch erneut ein Besuch im Brücke Museum, wo allerdings nur noch diese Woche eine schöne Ausstellung zum Portrait und Selbstportrait von Karl Schmidt-Rottluff zu sehen war. Eine schöne Ergänzung zur Chemnitzer Ausstellung an Ostern. Auch ein schöner Katalog sehnt sich nach einem Regalplatz.

Tag 3 Dienstag 21. Juni 2016 – Berlin / Ahrenshoop

Da man den Campingplatz am Abreisetag bis 11 Uhr räumen soll, bin ich mit dem Mobil zum Bahnhof Wannsee gefahren. Auf der anderen Gleisseite (mit Tunneldurchgang zu den Gleisen) ist in der Nibelungenstraße zeitlich unbegrenzte und kostenlose Parkmöglichkeit, sofern man eine Platz ergattert. Um 8 Uhr war das auf etwa der Hälfte der Straßenlänge noch möglich, als ich Mittags zurück kam, hatte sich aber die Straße beidseits (dazwischen eine Fahrgasse in Wagenbreite) weiter nach hinten gefüllt gehabt.

Direkte Fahrt zum Hackeschen Markt und erstmals in die Alte Nationalgalerie (die ImEx im letzten Sommer war mir leider ob des Besucherandrangs versagt geblieben, und mein erster Besuchversuch vor rund 10 Jahren wurde durch einen entwendeten Geldbeutel verhindert). Sonderausstellungen gab es in der Alten Nationalgalerie keine erwähnenswerten, aber die Sammlung ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Eigentlich wollte ich im Anschluss noch im Helmut Newton Fotomuseum vorbeischauen, wo neben seinen Fotos auch welche seiner Frau June (Künstlername Alice Springs) sowie eines jüngeren Talents Mart Engelen zu sehen gegeben hätte (bis 02.11.2016), aber ich habe mich zu lange aufgehalten und wollte heute noch auf der Fahrt nach Hamburg einen Abstecher nach Ahrenshoop machen. Ein besonderer Kunstschwerpunkt stellen für mich ja Künstlerkolonien dar, so dass mich dort im Kunstmuseum die Sammlung interessierte, ergänzt durch eine Sonderausstellung zu Lyonel Feininger (Schwerpunkt Ostseeregion). Beides sehenswert, Feininger jedoch nur noch bis 17.07.2016.

Tja, und dann begann das „Abenteuer“ Hamburg. Entspannte Anfahrt mit kaum Verkehr, dann aber der angepeilte Wohnmobilhafen Hamburg komplett voll – leider nimmt er auch keine Reservierungen an. Ich hatte den Eindruck, dass hier auch etliche auf Montage dauerhaft stehen. Der Parkplatz bei den Musicals ist erstens wohl wegen eines Erweiterungsbaus verkleinert und zweitens ausdrücklich für Womos zum Übernachten nicht gestattet, sondern nur während Aufführungen oder kurzzeitigem Parken. Unterstrichen wird dies durch 6 EUR für die drei Aufführungsstunden sowie 2 EUR für jede weitere angefangene Stunde ohne Nachtbegrenzung – und das ohne jeden Service. Der Wohnmobilparkplatz am Fischmarkt war ebenfalls voll, zumal wohl durch Baumaßnahmen beschnitten. Das Dumme in Hamburg aufgrund Elbe/Hafen ist, dass jeder Wechsel gleich mit etlichen km zu Buche schlägt. Nach ca. einer Stunde ergebnislosem Herumfahren kam dann die schnelle Entscheidung: Optional wollte ich am nächsten Tag auch das Ernst Barlach Haus in Altona besuchen. Also dort rausgefahren in der Hoffnung auf einen ruhigen Straßenparkplatz (liegt im Jenisch-Park). Straßenparkplatz hat geklappt, ruhig nicht ganz so. Obwohl keine breite Straße scheint es eine beliebte Durchgangsstraße zu sein und vor allem scheint von 50, geschweige 30, hier noch niemand etwas gehört zu haben.

Trotzdem wunderbar geschlafen und gleich noch die Nacht auf Donnerstag rangehängt.

 

Tag 4 Mittwoch 22. Juni 2016 – Hamburg

Dank HVV-App habe ich gute Anbindung an die Kunsthalle Hamburg herausgesucht. Haltestelle direkt neben dem Womo, 1x Umsteigen in Altona. Von 10 bis 14 Uhr in der Kunsthalle verbracht – zunächst bei einer sehenswerten Manet-Sonderausstellung (bis 04.09.2016). Allerdings darf man keine Blockbuster-Ausstellung erwarten, dafür reicht wohl der Versicherungsetat nicht aus. Neben einigen Hamburger Beständen sind aber doch einige prominente Werke aus aller Welt zusammen gekommen. Schwerpunkt liegt aber in der Vermittlung der Avantgarde-Rolle von Manet. Der ansprechende Katalog ist meiner. Nach fast zwei Stunden und einer kurzen Auffrischungs-Afri-Cola im Museumscafé ging’s dann noch zwei Stunden durch die sehenswerte Sammlung. Nachdem der Anbau (Cube) fertig geworden ist, kann diese jetzt opulenter präsentiert werden. Meine Füße jaulen und zwingen zum erneuten Boxenstopp, leider wieder im Museumscafé. Kakao fad, dasselbe der kleine Mohn- und Schokokuchen für nicht kleines Geld (13 EUR). Wer in derselben Situation ist, sollte ggf. besser das Café-Restaurant Cube im Erweiterungsbau oder die Gastronomie an der Binnenalster ausprobieren.

Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit verkneife ich mir die Hieronymus Bosch Grafikausstellung im Bucerius Kunstforum Hamburg (beim Rathaus, noch bis 11.09.2016) sowie den sowieso nur optionalen Besuch der Miniatur-Wunderwelt – soll ja nicht nur für Eisenbahnfans ein Erlebnis sein.

Dann zurück zum Womo und gleich einen Abstecher in den Jenisch-Park zum Ernst Barlach Haus und der dortigen Sonderschau (garniert mit Barlach) mit Expressionisten des Osthaus Museums Hagen. Hat sich gelohnt. Somit war die Stellplatz-Odyssee im Ergebnis ein Volltreffer.

Seit 16 Uhr sitze ich nun bei offener Tür im Womo und habe zunächst meine BPR-Mails abgearbeitet sowie andere Mails. Und nachdem schon Klagen laut geworden sind, man würde vergeblich auf meine Tourberichte warten, habe ich mich entschlossen, jetzt einen Halbzeitbericht loszusenden.

Danach geht es nebenan in ein uriges Restaurant (den Preisen nach hanseatisch oder etwas gehobener). Morgen will ich in aller Frühe dann nach Hannover weiterfahren, zumal hier an der Straße Schilder stehen, dass ab 9 Uhr bis zum Wochenende Halte- und Parkverbot herrscht (wohl Kanalarbeiten). Apropos: Etwas nachdenklich gemacht hat mich die Beobachtung heute bei der Busfahrt, dass in Altona etliche Autos und Womos und Wohnwagen eine Parkkralle tragen – den Grund konnte ich nicht entdecken. Hoffe also, dass es morgen kein böses Erwachen gibt.

 

Beste Grüße für heute

Arthur

 

Anmerkungen zu älteren Womo-Berichten