Mittelfrankentour 2017 # 2

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

da ich gestern Abend einige Zeit in das Aufräumen bzw. Umsortieren meiner Festplatte investierte (die beruflichen Altlasten können weitgehend endlich privaten Daten Platz machen), kam ich unversehens später als beabsichtigt ins Bett. Folge war, dass die Abfahrt am Morgen sich verzögerte. Zunächst habe ich aber die kostenfreie WC-Entsorgung in Anspruch genommen. Dickes Lob für Ansbach – lediglich die Güterzüge sind lästig, zumal es auch die Nacht hindurch nicht abreißen will, sondern nur die Intervalle etwas länger werden. Allerdings stellt sich auch ein Gewöhnungseffekt ein.

Tag 3 Mittwoch 23.08.2017 – Mittelfranken
Bad Windsheim / Neustadt an der Aisch

Nur eine knappe dreiviertel Stunde von Ansbach entfernt steuere ich Bad Windsheim an. Direkt an einem Parkstreifen eingangs der Altstadt ist ein Parkplatz für mein Mobil, über 1 € für zwei Stunden kann man auch nicht meckern. Anhand eines von der Webseite der Stadt besorgten Innenstadtplans mit rückwärtiger Beschreibung von Sehenswürdigkeiten durchstreife ich die Altstadt, die ich als idyllisch und sehenswert empfinde. Der Plan kann allerdings nur als ungefähre Orientierung dienen, da weder maßstabs- noch realitätsgetreu. Da werden die Ziffern für bestimmte Bauten auch mal in die falsche Straße verschoben oder Straßen weggelassen bzw. deren Verbindungen versetzt. Dies hat mir manchen visuellen Zufallsfund beschert.

Im Zentrum auf einer leichten Anhöhe steht das barocke Rathaus, welches fürstlichen Glanz ausstrahlt und für das Selbstbewusstsein der Windsheimer Bürger spricht. Hinter bzw. über dem Rathaus erhebt sich mit diesem baulich verwachsen die Stadtkirche St. Kilian. Als ich die Türe öffnete, hob eine Klaviermusik mit Gesangsbegleitung an. Das nenne ich mal einen beeindruckenden Empfang von Kirchenbesuchern. Allerdings entpuppte es sich nach vollständigem Eintreten als blanker Zufall, weil in einer Nische probten ein Musiker und eine Sängerin ein Kirchenkonzert. Trotzdem eine angenehme Beschallung der Kirchenbesichtigung. Sehenswert sind insbesondere der Altarraum und die Orgel und der Service für die interessierten Besucher geht soweit, dass extra ein Schalter mit Zeitschaltuhr installiert wurde, mit dem beide Segmente illuminiert werden. Tilman Riemenschneider schuf bis 1509 einen großen Teil der Kirchenausstattung (Choraltar, Chorbogenkreuz, Zwölfbotenaltar), die allerdings beim Stadtbrand 1730 wie auch das ursprüngliche Rathaus ein Raub der Flammen wurde. Lediglich der Zwölfbotenaltaraufsatz konnte gerettet werden und ist auf unbekanntem Weg ins Kurpfälzische Museum Heidelberg abgewandert, eine gute Kopie ist allerdings in der Seekapelle zu besichtigen. Auf dem Stadtplan hat ist sie zwar mit einem Gebäudezeichen in der Nähe des Ochsenhofes (heute Reichsstadtmuseum in schönem Fachwerkbau) einen visuellen Vermerk, im Begleittext wird sie aber nicht weiters gewürdigt.

Den Eingang von St. Kilian erreicht man, wenn man entweder den Torbogen im Rathaus durchschreitet oder wenn man von der Krämergasse eine kleine Gasse mit Treppe hochsteigt. Diese mündet auf dem Martin-Luther-Platz zwischen Pfarrhaus und ehemaliger Lateinschule, beides ebenfalls sehenswerte Fachwerkhäuser. Die Lateinschule ist seit 1400 belegt und dürfte eine der ältesten im heutigen Nordbayerischen sein. Vom Fachwerk noch beeindruckender und kleinteiliger ist am selben Platz das Stadtschreiberhaus.

An dieser Stelle erspare ich mir weitere Hinweise auf sehenswerte Bauten, denen es noch einige gibt. Zwei Baudenkmale am Rande der Altstadt (Alter Bauhof, Spitalkirche) stellen insoweit eine Besonderheit dar, da sie organisatorisch zum Fränkischen Freilandmuseum gehören, welches sich unweit davon erstreckt. Insofern ist eine Besichtigung nur möglich, wenn man entweder ein Ticket des Museums vorweisen kann oder den halben Preis bezahlt, wenn man nur diese beiden Objekte besichtigen will. Ich meinerseits habe mich gegen eine Besichtigung und einen Besuch des Freilandmuseums entschieden, da ich ja unlängst in der Fränkischen Rhön ein sehenswertes Freilandmuseum besichtigt habe. Außerdem stand nach der zweistündigen Stadtbesichtigung vordringlich eine Erholungspause für meine ächzenden Füße auf dem Plan und was eignet sich da besser als ein warmes Bad.

Also steuerte ich die Franken-Therme Bad Windsheim an. Der Parkplatz (P6) darf im oberen Bereich auch von Wohnmobilen als Tagesgäste kostenlos genutzt werden, wer über Nacht bleiben will fährt auf den jenseits des Walls liegenden kostenpflichtigen Wohnmobilstellplatz von Phoenix, der nicht nur genügend Platz für ihre Liner bietet, sondern auch Fremdfahrzeuge aller Längen beherbergt.

Die Franken-Therme bietet mehrere Hallenbecken mit sich steigernden Temperaturen und Sole-Gehalt. Im Grundpreis (2,5 Std.) sind die Becken mit 1,5% (32°) und 4% (34°) enthalten, für einen Aufpreis von 2,50 € kann man auch ins 12%-Becken oder gar in das Becken mit über 29% Solegehalt oder in den wassergleichen Freiluftsee, lediglich die Temperatur ist dort natürlich deutlich niedriger (je nach Witterung zwischen wohl 24 und 29 Grad. Wer länger bleiben will, bucht entweder gleich einen größeren Zeitraum oder zahlt am Schluss den Aufpreis (gilt übrigens auch, wenn man sich erst später für die hochsalzigen Gewässer entscheidet – lobenswert flexible Regelung). Als ich so kurz vor 13 Uhr ins erste Becken kam, war es zwar gut besucht, aber die Sprudelbereiche waren sofort oder nach 10minütigem Warten zugänglich. Dies änderte sich im Laufe meiner Anwesenheit, als ich nach 14 Uhr aus den Hochsolebädern wieder zurück kam, waren die Düsen dauernd belagert, so dass es eher Glücksache und schnelle Reaktion erforderte, wenn man zum Zuge kommen wollte. Insofern hat es sich als gute Entscheidung herausgestellt, nur die Grunddauer von 2,5 Stunden zu buchen. Während man sich bei 1,5% und 4% die Zeit gut mit Wassergymnastik vertreiben konnte, war bei 12 und 29% kaum daran zu denken. Der Körper hat darin so einen starken Auftrieb, dass man nahezu ausschließlich an der Oberfläche schwebt und insbesondere bei 29% hatte ich enorme Probleme, aus dieser Lage die Beine zum Herausgehen auf den Boden zu bekommen.

Nun bin ich ja noch kein erfahrener Thermalbader, aber eines ist mir bei beiden Besuchen, insbesondere aber heute, aufgefallen: Außerhalb des Wasser werden die Beine richtig schwer und das Gehen fällt schwerer wie vorher. Ist das jetzt Muskelkater aufgrund des noch ungewohnten Badevergnügens (ggf. hervorgerufen von dem Düsengeblubber) oder muss ich der gestrigen Beinarbeit ins Ansbach Tribut zollen?!

Mein angedachter Zeitplan ist etwas ins Rutschen gekommen, was sich aber nicht als nachteilig herausgestellt hat. Von Bad Windsheim fuhr ich etwas über eine halbe Stunde weiter zu deren mittelfränkischen Kreisstadt Neustadt an der Aisch – übrigens deutlich kleiner als Bad Windsheim und wie die Besichtigung mit dem Fahrrad zeigte, weniger attraktiv. Sehenswert ist das Ensemble ums Alte Schloss, welches heute das Karpfenmuseum im Verbund mit dem Markgrafenmuseum und den KinderSpielWelten enthält. Eine Besichtigung habe ich mir mangels Interesse verkniffen, zumal wegen Öffnungsschluss 17 Uhr es eher ein Gehetze geworden wäre. Das Gebäudeensemble, zu dem auch der dicke runde Geschützturm Maschikelesturm und ein achteckiger Turm des ansonsten abgebrannten Neuen Schlosses gehört, konnte ich aber abends auch noch besichtigen. Unweit davon steht außerhalb der alten Stadtmauer im Park ein seltsames Gebäude, welches in seiner rundgefächerten Anlage an einen früheren Lokschuppen (Remise) erinnert, was noch durch eine alte Dampflokomotive daneben im Park unterstrichen wird, laut Beschreibung aber eine frühere Reithalle gewesen sein soll (heute als Kulturhalle genutzt). Davor befindet sich ein Rasenlabyrinth, welches zum Meditieren und zur Selbstfindung anregen soll.

Am zentralen Marktplatz mit mehreren Lokalen mit Außenbewirtung steht das barocke Rathaus. Das Wahrzeichen der Stadt auf dessen Dach, nämlich ein um das Uhrtürmchen herumlaufenden meckernden Geißbock, hat sich mir leider nicht gezeigt, da er dieses Schau- und Hörspiel nur jeweils um genau 12 Uhr mittags treibt. Hintergrund ist die Legende, dass 1461 ein Schneider die Stadt vor den belagernden Bayern gerettet haben soll, indem er sich in das Fell eines Geißbockes nähen ließ und so meckernd auf der Stadtmauer umherlief. Die Belagerer folgerten daraus, dass die Bürger offensichtlich trotz langer Belagerung noch nicht an Hungers leiden, wenn es dem Geißbock noch nicht an den Kragen ging und zogen ab.

Das Eiscafé am Marktplatz krönte den heutigen Tag mit einem fabelhaften Nuss-Krokant-Becher. Zurück auf dem städtischen

Wohnmobilstellplatz auf dem Festplatz (keine Stellplatzgebühr), An den Sommerkellern
GPS 49°34`58.90„N, 10°36`13.40„ (die von der Stadt angegebenen GPS-Koordinaten haben mein Navi in die Irre geführt, daher hier die aus dem Navi ausgelesenen)
16 Plätze, ganzjährig (außer 1.-3. Woche nach Pfingsten), Strom 16A gebührenpflichtig
5 Gehminuten Altstadt über eine geschwungene Fußgängerbrücke, die sich über Aisch und Bundesstraße hinüberschwingt (Fahrräder schieben).

Dort hatte ich noch zwei längere Pläusche mit einem 78jährigen alleinreisenden Ulmer (eigentlich aus Pommern stammend, seit gut 40 Jahren zusammen mit seiner jüngst verstorbenen Frau Camper) und einem noch berufstätigen älteren Paar aus dem Raum Sigmaringen, welches als eingefleischte Motorradzelter nun aus gesundheitlichen Gründen aufs Womo umgestiegen sind.

Zum Abschluss noch ein gewerkschafts-historischer Hinweis: Der erste DGB-Vorsitzende Hans Böckler (* 26. Februar 1875) ist in Trautskirchen bei Neustadt an der Aisch geboren worden und die Gemeinde hat in seinem Geburtshaus, einem ehem. Taglöhnerhaus, ein kleines Museum über seinen Lebens- und Wirkungsweg sowie allgemein zur Geschichte der Gewerkschaftsbewegung eingerichtet: Hans-Böckler-Haus Trautskirchen (Hans-Böckler-Str. 15, geöffnet nur jeden ersten Sonntag im Monat von 14-17 Uhr)

Beste Grüße für heute

Atze