Mittelfrankentour 2017 # 1

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

nach der Kunsteventtour zur documenta und Skulptur Projekte Münster im Juli plante ich eigentlich Anfang August den im Mai ausgefallenen Zwischenstopp an der Müritz nachzuholen und dann die Ostseeküste von Schleswig-Holstein zu bereisen – unter anderem mit einem Besuch der NordArt in Büdelsdorf. Die Schlecht-Wetter-Prognosen haben mich abgeschreckt, so dass ich stattdessen reichlich Terrasse und mehrere Musik-/Kunst-Kurztouren genießen konnte. Bevor ich zur gegenwärtigen Sightseeing-Tour Mittelfranken komme, aus diesen Kurztouren ein paar Hinweise.

Jeweils am ersten bayerischen Ferienwochenende findet seit über 40 Jahren in Nürnberg das Bardentreffen statt. Seinen Namen verdankt das wohl größte Umsonst-und-Draußen-Musikfestival dem 500. Jahrestag des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs. War damals anlassbezogen der Schwerpunkt auf Liedermachern, Chansonniers und Singersongwriter (damals nahezu ausschließlich männlich), sind inzwischen alle Musikstile der Folk- und Weltmusik vertreten. Auf mehreren Bühnen treten von Freitagabend sowie Samstag/Sonntag nachmittags und abends im anderthalb- bis zweistündigen Rhythmus Musiker/innen aus aller Welt auf – bekannte und Newcomer. Das Publikum schlendert von Spielort zu Spielort oder bleibt auch mal stand- bzw. sesshaft (so man eine Sitzgelegenheit dabei hat oder den Boden nicht scheut). An den Wegen buhlen Straßenmusiker oder Artisten, aber auch Slammer und Theatergruppen um die Gunst des Publikums. Vormittags besuche ich aktuelle Ausstellungen. So ist jedes Jahr der jährliche Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten im Kulturquartier eines der Ziele, auch in der Kunstvilla oder im Germanischen Nationalmuseum sind zur Bardentreffzeit meist interessante Sonderausstellungen. Die Kunsthalle trifft meinen Geschmack eher selten.

Dank Margit und Jürgen habe ich bei einer dieser Kurztouren auch erste Bekanntschaft mit einer Therme gemacht, nämlich der in Bad Wurzach. Bisher kenne sich so warmes Wasser nur von der heimischen Badewanne (okay, da lass ich es noch etwas wärmer werden und steig bei der Thermentemperatur längst wieder aus). Ganz entspannend – ob ich allerdings ohne nette Plauschbegleitung auch Gefallen daran finden werde, muss sich noch weisen. Im Gegensatz zur heimischen Badewanne kann man sich die Zeit im Wasser nicht mit Lesen vertreiben. Da brauch ich vermutlich noch Aktivitätsanregungen.

Tag 1 Montag/Dienstag 21./22.08.2017 – Mittelfranken
Ansbach

Da ich dem morgendlichen Anreisestress auf der A7 entgehen wollte, bin ich zu meiner kleinen Mittelfrankentour bereits am Montag kurz vor 17 Uhr aufgebrochen. Zwar habe ich auf Empfehlung des Navi die Ausfahrt Leutershausen genommen, das dortige Deutsche Flugpioniermuseum Gustav Weißkopf (www.weisskopf.de) einerseits mangels gesteigertem Interesse links liegen gelassen, andererseits hat es Montag sowieso geschlossen. Gewidmet ist es einem Tüftler, dem nach jüngster Forschung vor den Gebrüdern Wright der erste Motorflug gelungen sein soll.

Station gemacht habe ich auf dem

Wohnmobilstellplatz Ansbach
Am Stadion 2 / 49° 18′ 19“ N  / 10° 33′ 33“ O
Ganzjährig, kostenlos, 12 Plätze (ehrenamtl. Platzwart)
kostenpflichtig Strom CEE 16A (aber wohl nur für 6 Fahrzeuge)
Kostenlose V/E Holiday Cleany
angeblich 10 Gehminuten Innenstadt, mit dem Fahrrad tatsächlich bis zur Residenz 6 Minuten, Bus 758 ab Haltestelle Aquella

Direkt angrenzend an den Wohnmobilstellplatz und einen großen PKW-Parkplatz ist das Aquella-Bad Ansbach (Freizeitbad, Sauna, Freibad) sowie Sportanlagen. Leider verläuft auch eine Bahnlinie unweit des Platzes. Die dort vorbeirauschenden Züge machen hörbar auf sich aufmerksam, glücklicherweise aber nur durch gleichmäßiges Rauschen ohne Gepolter und Geklapper. Trotzdem nichts für lärmempfindliche Gemüter. In Ansbach ist mir keine Alternative bekannt, aber im näheren Umland gibt es noch weitere kostenlose bzw. gebührenpflichtige Stellplätze.

Vom ehrenamtlichen Platzwart habe ich außer seinem verschlossen Caravan nichts gesehen, da bei Ankunft am Platz sowohl am Montag- wie am Dienstagabend er wohl trotz gegenteilig ausgeschilderten Anwesenheitszeit den Feierabend angetreten hatte und am Dienstagmorgen war ich zu seinem Dienstbeginn um 9 Uhr bereits am ersten Event in der Stadt.

Ansbach ist Regierungssitz des Bezirks Mittelfrankens und ehem. Residenz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, liegt an der Burgenstraße und versteht sich auch als Tor zum Naturpark Frankenhöhe. Die Altstadt ist geprägt durch zahlreiche herrschaftliche und bürgerliche Bauten aus früheren Jahrhunderten, große Teile der Altstadt sind verkehrsberuhigt, aber weitgehend mit Fahrrad befahrbar. Nur ums Rathaus und im Hofgarten der Residenz ist Schieben angesagt.

Sehenswert ist das Herrieder Tor (achteckiger Turm, Nordseite mit Glockenspiel 11 + 17h, welches ich allerdings vormittags verpasst und nachmittags vergessen hatte), der an der innerstädtischen Hauptverkehrsader Promenade einen Zugang zur Altstadt markiert. Dahinter liegt die äußerlich unscheinbare ehem. Synagoge, die allerdings nur an wenigen Sonntagen besichtigt werden kann.

Das Zentrum markiert ein sehenswertes Stadthaus, in dem das Amt für Kultur und Tourismus untergebracht ist, daneben steht das etwas zurückhaltendere Rathaus. Kein Wunder, dass Oberbürgermeisterin und Stadtrat lieber in den oberen Etagen des schmucken 1532 erbauten Stadthauses residieren. Dies war ursprünglich das Landständehaus und Sitz des kaiserlichen Landgerichts. Dahinter ist in dem ebenfalls stattlichen Bau der Hofkanzlei eine Zweigstelle des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes untergebracht. Direkt daneben steht die markgräfliche Kirche St. Gumbertus (Dreiturmfassade, Schwanenritterkapelle, Fürstengruft, sehenswerte Wiegleb-Orgel), die als romanische Kirche ihren Ausgang nahm und in den folgenden Jahrhunderten mit An- und Umbauten stilistisch umgemodelt wurde.

Im Eckhaus vor der Gumbertikirche ist die Sehenswürdigkeit im Hof versteckt, namentlich der Beringershof, heute Sitz der Kirchenbehörde. Der schön gestaltete Innenhof wird überragt durch einen schmucken Treppenturm. Auf der Rathausseite steht am Ende des Martin-Luther-Platzes die Bürgerkirche Kirche St. Johannis, welche als spätgotische Kirche im 15. Jh. erbaut wurde und nach Wandlung zur lutherischen Kirche wie üblich einen großen Teil des Bildschmuckes verlor. Erhalten sind allerdings im vorderen Kirchenschiff sehenswerte Glasfenster, die allerdings auch erst 1903 von der königlich-bayerischen Hofglasmalerei hier eingebaut wurden.

Auf der Rückseite der Kirche ist in zwei historischen Gebäuden, welche durch den Wehrgang der Stadtmauer verbunden sind, das Markgrafenmuseum untergebracht. Sehenswert ist dort im Erdgeschoss vor allem die Ausstellung zu Kaspar Hauser, dem sagenumwobenen „Findelkind“, der hier 1833 im Hofgarten ermordet wurde.

Eingangs schon erwähnt habe ich, dass ich um 9 Uhr an einer Führung in der ehemaligen Markgräflichen Residenz teilnahm, die sehr unterhaltsam von der Dame als Mischung zwischen historischer Bildung und BUNTE gestaltet wurde. Hängen blieb neben den 27 mehr oder minder prunkvollen Räumen, dass die Ehen der Markgrafen wohl überwiegend unglücklich waren, das Händchen für die Politik aber nicht ungeschickt war, wenngleich aber der letzte Markgraf die Lust am Regieren verlor und seine Gebietsansprüche an die hohenzollerische Verwandtschaft in Preußen veräußerte und sich 1791 mit seiner Gattin nach England auf ein Jagdschloss verzog. Die Preußen erfreuten sich jedoch nur kurze Zeit dieser südlichen Provinz, denn Napoleon schlug Franken den Bayern zu. Erwähnt sei noch, dass die Besichtigung nur im Rahmen der Führung möglich ist, die zwischen 9 und 16 Uhr immer zur vollen Stunde beginnen.

Jenseits der markgräflichen Residenz und der Promenade erstreckt sich ein beachtlicher Hofgarten, flankiert von der nach Kriegszerstörung wieder aufgebauten Orangerie. Ein schöner Platz, um gemütlich einen Kuchen zu essen oder auch ein Eis (letzteres habe ich allerdings schon im Eiscafé beim Stadthaus zu mir genommen). An der Residenz zugewandten Seite des Hofgartens befindet sich der Leonhart-Fuchs-Garten, benannt nach dem Botaniker und Leibarzt des Markgrafen um 1500, dem später zu Ehren die Namensgebung der Fuchsie erfolgte.

Abends habe ich es mir nicht nehmen lassen, in eine Straßenwirtschaft beim Rathaus zurückzukehren und die viel gelobten Ansbacher Bratwürste mit Sauerkraut zu testen. Als alter Suppenkaspar vorneweg mit einer schmackhaften Suppenknödel- und Flädlesuppe. Das Sauerkraut war ebenfalls sehr schmackhaft, die beiden Bratwürste mundeten, blieben aber das besondere Herausstellungsmerkmal schuldig.

Apropos Kunst: Alle zwei Jahre bietet Ansbach zeitgenössischen Bildhauern die Möglichkeit, die Skulpturenmeile zwischen St. Johannis, Promenade und Hofgarten mit ihren Werken zu bestücken. Aktuell bis 08.10. sind dies die weltbekannten fränkischen Stahlbildhauer Herbert Mehler und Thomas Röthel. Ergänzt wird dies nur noch bis Ende dieser Woche durch eine Ausstellung von Kleinplastiken im Zitrushaus im Hofgarten. Eine weitere sehenswerte Ausstellung zeigt noch bis 10.09. das Kunsthaus Reitbahn3 (hinter der Residenz) mit Aaron Vidal.

Ähnlich wie in Münster findet man in den Straßen und auf Plätzen von Ansbach vereinzelt Hinterlassenschaften von früheren Skulpturmeilen.

Beste Grüße für heute

Atze