KunstEventTour Juli 2017 # 4

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

gestern Abend hatte ich den Verdacht, dass jemand von euch meinen Stellplatz-Geheimtipp weitergegeben hat ;-)), nämlich kurz nach Einbruch der Dunkelheit bekam ich plötzlich Gesellschaft von einem Hymer und später im Bett hörte ich nochmals verdächtige Geräusche – und tatsächlich, als ich morgens zeitig um kurz nach sieben aufgebrochen bin, stand neben dem Hymer noch einer.

 Tag 6 Freitag 07.07.2017 – Kunst-Event-Tour documenta Kassel / Skulptur Projekte Münster
Kassel / Hann. Münden / Corvey/Höxter / Paderborn / Rietberg

Wo Fulda sich und Werra küssen, sie ihren Namen lassen müssen. Passieren tut dies fortwährend am Ende von Hannoversch Münden und ab da beginnt, was sich als Gebiet Weserbergland nennt. Obwohl gut geschlafen, war ich heute bereits nach knapp über 6 Stunden putzmunter, was die heutige Tagesetappe entspannte und dazu beigetragen hat, dass ich in Rietberg und nicht wie ursprünglich geplant in Paderborn übernachte.

Hann. Münden habe ich in meinen Junglehrerzeiten schon mal auf der Rückfahrt von einer Bundestagung mit Andrea besucht und hatte von damals einen angenehmen Eindruck im Kopf. Dieser hat sich heute bestätigt. Das Städtchen am Zusammenfluss von Werra und Fulda hat eine ansehnliche Altstadt vorzuweisen. Fachwerk satt (rund 700 Häuser), herausragend aber vor allem das Rathaus im Stil der sogenannten Weserrenaissance (ursprünglich ein gotisches Bauwerk, welches später dann umgestaltet wurde). Ein dortiges Glockenspiel erinnert an den hier zuletzt wirkenden und 1727 verstorbenen Arzt Doktor Eisenbart, welches ich allerdings nicht in Augenschein nehmen konnte, da es nur um 12, 15 und 17 Uhr zu sehen und zu hören ist. Eine Figur an verschiedenen Zufahrten erinnert allerdings an ihn. Das Welfenschloss wird zwar teilweise gerade renoviert, scheint mir aber auch kein herausragender Bau zu sein.

Obwohl zu so früher Stunde in der Altstadt Parkplätze zu finden gewesen wären, bin ich auf den Park-/Stellplatz am Weserstrein, Gustav-Blume-Weg (30 Plätze. ganzjährig, 6 €/24h, 0,50 €/h) und habe die Stadterkundung mit dem Rad unternommen. Der Stellplatz war gut belegt, machte aber aufgrund des Kreuz- und Querstellens einen etwas unübersichtlichen Eindruck. Dies wurde seitens der Stadt durch unklare Parzellierung provoziert. WC ist am Ort und Strom gibt es auch. Auch V/E soll gegen Cash möglich sein, habe ich aber nicht entdeckt.

Weiter ging die Fahrt zum Kloster/Schloss Corvey bei Höxter, welches 2014 in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen wurde. Hierfür ausschlaggebend war wohl das welteinmalig erhaltene karolingische Westwerk (Säuleneingangshalle sowie die Kirchenfront mit den beiden Türmen), an die eine barocke Saalkirche angebaut wurde. Aus dem ursprünglichen Kloster wurde später ein Schloss / www.schloss-corvey.de. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass hier Hoffmann von Fallersleben zum Ende seines unsteten Lebens als Bibliothekar tätig war und auf dem Friedhof begraben liegt.

Das wenige Kilometer entfernte Höxter ist ein Muster für ein verunglücktes Stadtbild. Obwohl ursprüngliche Bausubstanz noch an vielen Stellen und teilweise auch in längeren Straßenzügen erhalten und herausgeputzt wurde, wird dies durch dazwischen- oder gegenüberstehende Gebäuden liebloser Nachkriegsmoderne beeinträchtigt. An einigen der alten Fachwerkgebäude sind bildhafte Schnitzarbeiten im Balkenwerk eine Besonderheit. Das Forum Jacob Pins im schönen Adelshof ist einerseits dem Künstlernachlass des Höxter Juden, der nach Israel emigrieren konnte und dort Renommee erwarb, andererseits wird die Geschichte Höxter Juden, aber auch die Baugeschichte des Gebäudes dargestellt. Anlässlich des hundertsten Geburtstages des 2005 verstorbenen Künstlers wird seine Künstler- und Lebensbiografie und die seiner Familie in einer Sonderausstellung gewidmet, die leider an Textlastigkeit und spärlicher Werkpräsentation leidet (www.jacob-pins.de).

In Paderborn habe ich zunächst das in einem Teilort liegende Wasserschloss Neuhaus aufgesucht, die ehemalige Residenz der Paderborner Fürstbischöfe und beeindruckendes Beispiel der Weserrenaissance mit angrenzendem Barockgarten. In seinen Wirtschaftsgebäuden sind u.a. diverse Museen untergebracht (Städtische Galerie im Marstall sowie Galerie in der Reithalle und im sogenannten Bürgerhaus das Forum junger Künstler / www.paderborn.de. Bei strahlendem Wetter hinein und beim Verlassen konnte ich dank eines geschenkten hauchdünnen Regenponchos trotz zwischenzeitlichem Platzregen einigermaßen trocken zum Womo zurückkommen. Schon wollte ich einem Impuls meiner Füße nachgeben und die Innenstadtbesichtigung von Paderborn streichen (zumal vor etlichen Jahren schon mal hier), hörte der Regen auch schon wieder auf und der Himmel erstrahlte blau. Also bin ich zum Parkplatz Maspernplatz (Altstadtring), Hathumarstraße 19, gefahren, wo einige Plätze (10?) für Womos reserviert sind. Strom und Wasser können bezogen werden. 6 €/24 h bzw. 1 € pro Stunde (von 22-8 Uhr und Sonntag soll kostenfrei geparkt werden können). Ich hatte Glück, denn ein gerade abfahrender Womofahrer hat mir sein bis Samstagmorgen reichendes Ticket vererbt, welches er selbst auch schon von einem anderen übernommen. Leider konnte ich es hingegen mangels Bedarf nicht weiterreichen.

Mit dem Rad habe ich dann zunächst den Dom aufgesucht. Leider ist er wegen Renovierungsarbeiten von außen weniger ansehnlich. Auch das davor gesetzte Dommuseum halte ich für keine gelungene Kombination, es mutet eher wie ein grauschwarzer Bunker an. Die Innenausgestaltung des Doms ist jedoch beeindruckend. Nach den vielen evangelischen Gotteshäusern auf meiner Tour merkt man, dass hier die bildfreudigen Katholiken das Sagen hatten. Im hinteren Teil des Kirchenschiffes steht im Seitenschiff rückwärtsgewandt ein prächtiger Altar mit exquisitem und üppigem Skulpturenschmuck. Überwiegend in Elfenbeinweiß gehalten setzt er sich auch farblich von der sonstigen Kirchenausstattung ab. Eine Besonderheit findet sich abseits vom Kirchenschiff an der Außenwand des Kreuzganges. Dort hat ein Bildhauer ein Fenster mit einer Drei-Hasen-Rosette verziert, die sich zwischenzeitlich zum Wahrzeichen der Stadt entwickelt hat.

Da Paderborns Innenstadt weiträumig als Fußgängerzone mit Fahrradverbot ausgestaltet ist, schob ich mein Rad zum Rathaus mit seiner ebenfalls typischen Weserrenaissancefront. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft stehen dann mehrere Bauten aus dem Barock. Nur wenige hundert Meter vom Parkplatz entfernt steht das älteste Fachwerkhaus der Stadt, das Adam-und-Eva-Haus, so benannt nach den Bildschnitzereien an der Fassade. Eigentlich wollte ich noch das Pader-Quellgebiet besichtigen, was aber angesichts rund 200 Quellen in dem Stadtviertel ein hoffnungsloses Unterfangen war. Lediglich eine kleine Parkanlage mit einem schon angewachsenen kleinen Flüsschen und einem weiteren Zufluss gab einen Eindruck – übrigens soll der namensgebende Stadtfluss mit 4 km der kürzeste deutsche Fluss sein, bevor er sich in die Lippe ergießt.

Da der Abend noch recht jung war und der kostenlose Wohnmobilstellplatz an der Rottwiese, Jerusalemer Straße 2 in Rietberg mit einer Sani Station versehen sein soll, entschied ich mich, mein zugeflogenes Ticket in Paderborn verfallen zu lassen und stattdessen gleich zu meiner nächsten Station zum Nächtigen zu fahren. So kann ich am Samstagfrüh vor der Weiterfahrt meinen Toilettentank leeren und hoffe damit auf der weiteren Tour nicht zu sehr diesbezüglich unter Druck zu geraten (51.80998 / 8.414270 / N 51°48’35.928″ E 8°24’51.372″) Der Platz liegt zwischen der Bundesstraße und dem Parkplatz des Bibeldorfes (Ausstellungsgelände) und ist nicht sehr idyllisch, die Verkehrsdichte auf der Bundesstraße ist zumindest an diesem Freitagabend eher gering.

Morgen geht es dann über ein paar Zwischenziele nach Münster.

Beste Grüße für heute

Atze