KunstEventTour Juli 2017 # 3

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

noch zwei Nachträge zu gestern. Bei Bad Hersfeld vergaß ich die Info anzumerken, dass sich die Stadt nicht nur der berühmten Festspiele rühmt, die dieses Jahr wieder von Dieter Wedel geleitet werden, der 2015 von Worms hierher gewechselt hat, sondern die Stadt rühmt sich als Duden-Stadt. Hier war nämlich Konrad Duden Direktor des Gymnasiums und entwickelte sein hinlänglich bekanntes orthographisches Lexikon. Kein Wunder also, dass ihm auch ein Museum gewidmet ist.

Der Schlafplatz in Oberaula war bestens. Wer lieber etwas idyllischer steht, kann es ggf. auch ums Eck beim Waldbad versuchen. Dort gibt es neben dem geteerten eigentlichen Parkplatz seitlich auch ein als Parkzone markierten Grasstreifen in Richtung Waldrand. Am Morgen zeigte sich dann durch meine Neugier, dass man dem geschriebenen Wort nicht immer trauen soll. Trotz gegenteiligem Anschlag gab der Wasserhahn bereitwillig das nasse Element frei. Der Grauwasserablass entpuppte sich übrigens im Zweitnutzen als WC-Entleerung, was ich dann bereitwillig in Gebrauch nahm und mit dem fließenden Wasser Abfluss und WC-Kanister nachspülte. Erfahrene Wohnmobilisten werden vielleicht jetzt schmunzeln, aber mir war bisher diese Doppelverwendung noch nicht untergekommen. Habe sie aber heute gleich noch ein weiteres Mal angetroffen, nämlich am Wohnmobilstellplatz in Fritzlar. Beides mal kostenlos und ggf. auch für nur Durchreisende nützlich. (Apropos Womo-Spezialisten: Neben dem Begriff Grauwasser fürs Abwasser bin ich dem Begriff Schwarzwasser begegnet. Kann mich jemand aufklären, was damit gemeint ist?)

 Tag 4 Mittwoch 05.07.2017 – Kunst-Event-Tour documenta Kassel / Skulptur Projekte Münster
Oberaula / Alsfeld / Willingshausen / Fritzlar / Fulda

Obwohl deutlich vor Mitternacht ins Bett gekrochen, stelle ich fest, dass ich im Wohnmobil im Regelfall länger den Schlaf genieße als daheim. Nach geruhsamen Frühstück und Entsorgung ging die Reise weiter nach Alsfeld. Bei der Anfahrt drängt sich das Stadtbild nicht so idyllisch auf wie sie sich im Altstadtkern entpuppt. Im Zentrum steht die trutzige Walpurgiskirche, die von der Romanik über die Früh- und Spätgotik bis zur Renaissance Baugeschichte widerspiegelt. Daneben zwei weitere bemerkenswerte Bauten: Einerseits das älteste Fachwerkhaus von Alsfeld (Markt 2), welches mittelalterliches Fachwerk in Ständerbauweise zeigt und über der Erdgeschosshalle weite Vorkragungen aufweist, anderseits den Marktplatz unterteilend das Rathaus. Das schöne Fachwerkgebilde steht komplett auf einem halboffenen Säulensockel, der früher als Markthalle diente. Nicht nur der Marktplatz zeigt schön hergerichtete alte Bausubstanz, an verschiedenen Ecken und Seitenstraßen sind ebenfalls sehenswerte Bauten zu finden. In der Rittergasse wird derzeit das Neurath-Haus unter anderem mit meinem Geld restauriert (Stiftung Denkmalschutz). Eine schön geschnitzte Tür und Balkenverzierungen lassen durch die Bauverkleidung erkennen, dass sich die Investition kulturell lohnt. Dass ich mich nun nicht nur auf der Deutschen Fachwerkstraße, sondern auch auf den Spuren der Deutschen Märchenstraße befinde, zeigt sich nur ein Eck weiter, wo ein schönes Fachwerkhaus zum Märchenhaus (Museum und Aktionshaus) umgewidmet wurde. Am Ende der Kernaltstadt steht die ehemalige Klosterkirche der Augustiner-Eremiten, deren Kirchenschiff mit den angrenzenden Wohnhäusern seltsam verwachsen ist. Ein wirklich sehenswerter Abstecher. Schön ist auch, dass im Internet eine ansehnliche 3D-Karte mit Erläuterungen bereitgestellt ist.

Von hier aus strebte ich zu einem Ziel, welches ich schon länger auf der Wunschliste hatte, nämlich nach Willingshausen, der vermutlich ältesten Künstlerkolonie Deutschlands (ab erste Hälfte des 19. Jahrhunderts). An diese Zeit erinnert schon lange das sogenannte Malerstübchen, welches in jüngster Zeit durch eine Kunsthalle ergänzt wurde. Derzeit wird dort noch bis 13. 08.17 dem Aufenthalt des Künstlers Otto Ubbelohde anlässlich seines 150. Geburtstages gedacht. Leider jedoch Fehlanzeige: Die schon auf verschiedenen Internetseiten widersprüchlichen Öffnungszeiten entpuppten sich vor Ort als unzutreffend und weichen zudem beim Malerstübchen auch noch vom eigenen Prospekt ab. Die Kunsthalle sollte nämlich laut Webseite vormittags von 9-12 Uhr geöffnet sein, das Malerstübchen im Anbau laut Eigenprospekt von 10-12 Uhr – beides hatte geschlossen und wäre erst ab 14 Uhr zu besichtigen gewesen. Nachdem ich mich extra beeilt hatte, um kurz nach halb elf hier zu sein, hatte ich keine Lust, mir dreieinhalb Stunden die Zeit zu vertreiben. Also aufgeschoben. Hier die Daten zum Vormerken: Malerstübchen & Kunsthalle Willingshausen / Gerhardt von Reutern-Haus www.willingshausen.info / www.kuenstlerkolonie.eu

 

Die Dom- und Kaiserstadt Fritzlar, meine letzte Station vor Kassel, bietet neuerdings einen bestens gelegenen Wohnmobilstellplatz „Am Grauen Turm“, der sich sowohl für einen kurzen Besuch wie zum Übernachten eignet (51°7’52.4“N / 9°16’9.1“E). Von den 10 Plätzen sind 6 ausschließlich Womos vorbehalten, die weiteren dürfen leider auch von PKW zugeparkt werden, welche dort im Gegensatz zu den Womos kostenlos stehen dürfen. Kosten pro Stunde 1 € (Mindestparkzeit 2h), 24 Stunden werden mit 7 € im Parkscheinautomat berechnet. Ich vermute, dass die PKW/Womo-Plätze gegen abends am ehesten frei sind. Strom gibt es für 1 €/2 kWh, Wasser 1 €/90l, Entsorgung wie schon erwähnt kostenfrei, das öffentliche WC steht aber nur von 8-19h zur Verfügung. Als ich zur Mittagszeit ankam, waren die Mischplätze durch PKW blockiert, von den 6 geräumigen Womo-Plätzen aber noch 4 frei (die Stadt hat schlichtweg 4 PKW-Plätze zu einem Womo-Platz umgewidmet, würde nicht jeweils nach zwei PKW-Plätzen eine Laterne mitten auf dem Platz stehen, könnten sich auch mehr Womos bei Bedarf und gutem Willen aneinander kuscheln.

Der „Grauen Turm“ ist mit 38,5 m der höchste erhaltene städtische Wehrturm Deutschlands. Der außen wie innen sehenswerte Dom St. Peter geht auf die 723 von Bonifatius aus Holz der Donareiche errichteten ersten Petrikirche zurück, der bereits 732 die erste Steinkirche folgte. Im Zuge des Investiturstreits zog Heinrich IV. nach Fritzlar, was dazu führte, dass der Gegenkönig Rudolf von Schwaben Stadt und Dom zerstörte. Wenige Jahre danach Bau der 2. Basilika, auf deren Grundformen der heutige Dom basiert. Im angegliederten Dommuseum ist neben dem üblichen Domschatz auch diese Herrschaftsgeschichte u.a. in Form des schmucksteinverzierten Heinrichskreuzes von 1020 (Vorgänger des Erwähnten) zu sehen.

Nur knapp 200m vom Dom entfernt liegt der Marktplatz, der ebenfalls schöne Fachwerkbauten aufweist. Zwischen Grauem Turm und Marktplatz kommt man am ansehnlichen Hochzeitshaus vorbei, dem angeblich größten seiner Art. Während früher hier einschlägige Fest gefeiert wurden, beinhaltet es jetzt das Regionalmuseum, kann aber wegen Sanierungsmaßnahmen erst ab 2018 wieder besichtigt werden. Rund um die größtenteils erhaltene Altstadtmauer habe ich 11 Türme und 6 Turmstümpfe gezählt – auf dem Plan, denn zum Abschreiten hatte ich aus bekannten Gründen keine Lust. Stattdessen gönnte ich mir am Markt in einem österreichisch geführten Lokal eine Frittatensuppe zur Magenbesänftigung.

Seit halb vier stehe ich nun auf meinem beabsichtigten Stellplatz in Kassel, dem Parkplatz am Sportzentrum (Ecke Am Auestadion/Am Sportzentrum / 51°17’32.8″N 9°28’59.1″E / 51.292441, 9.483079). Bis auf ein paar PKW und Pferdeanhängern ist der Platz weitgehend leer. Bäume spenden Schatten, trotzdem wird der Satellitenempfang nicht beeinträchtigt. Von dem 2,5t Beschränkungsschild bei der Einfahrt habe ich mich nicht abschrecken lassen, hoffentlich ohne nachteilige Folgen. Die angrenzende Straße ist entgegen meiner ursprünglichen Annahme wohl keine unbedeutende Seitenstraße, sondern rege befahren. Mal sehen, ob dies die Nacht hindurch anhält.

Eigentlich hatte ich die Absicht, auf dem extra zur documenta erneuerten und unter neue Leitung gestellten Campingplatz Kassel an der Karlsaue, Giesenallee 9, 34121 Kassel (www.campingplatz-kassel.de) zu stehen, um einerseits Komplikationen aus dem Weg zu gehen und andererseits etwas näher zum Zentrum – aber eine Reservierungsanfrage vor knapp zwei Wochen hat offenbart, dass damals schon alle Plätze bis Mitte Juli vergeben waren.

Nachdem ich wegen der Ausfälle früher in Kassel angekommen bin als geplant, habe ich mir überlegt, ob ich am späten Nachmittag/Abend mit dem Rad ins Zentrum fahre (ca. 3 km durch die Karlsaue), um mir die Open Air Installation der früheren und aktuellen Documenta schon mal anzusehen, neige jetzt aber kurz vor sechs eher dazu, meinen Füßen die notwendige Erholung zu gönnen. Mal sehen.

Apropos documenta. Meine Erwartungshaltung ist eher niederschwellig, weil die Vorberichte, so diffus sie auch waren, eher künstlerische Ansätze und Techniken aufzeigten, die meinem Faible weniger nahe kommen. Ich habe mir daher auch vorgenommen, nur das in meinen Bericht einfließen zu lassen, was mich angesprochen hat und über das andere mir kein veröffentlichtes Urteil zu erlauben, sondern mir meinen Teil nur zu denken. Bei Interesse an diesen Gedanken ggf. direkt nachfragen…

Beste Grüße für heute

Atze