Donautour Ulm Wien Herbst 2016 # 5

Hallo Mitleserinnen und Mitleser,

mit dem nachsommerlichen Wetter mit Temperaturen Mitte zwanzig scheint es nun auch in Wien vorüber zu sein. Während gestern noch ein hitziger Tag und Wärme bis in die späte Nacht die besten Bedingungen für die Lange Museumsnacht geboten hat, hat heute am Mittag der Regengott Wien nicht mehr verschonen wollen und jetzt am späteren Nachmittag sinkt auch die Temperatur, die an der zwanzig Gradmarke gekratzt hat, spürbar.

Da ich wie bisher auch hier auf dem Stellplatz keinen Landstrom benutze, sondern auf mein Solarpanel vertraue, bin ich auf dieser Tour doch erstmals irritiert und leicht beunruhigt. Bei allen bisherigen Touren sank zwar die Stromreserve über Nacht durch diverse Sonderverbraucher (neben der ständig mitlaufenden Wasserpumpen und dem Kühlschrank sowie Licht) von drei LED auf zwei, spätestens aber nach dem Frühstück anderntags waren die beiden Wohnraumbatterien wieder gefüllt – und das auch an Regentagen. Berücksichtigt man, dass die Sonne nun einige Stunden später aufgeht, sollte es aber zumindest gegen Mittag auch jetzt soweit sein. Piepekuchen. Gestern hatte sie den Level erst am mittleren Nachmittag erreicht, heute bis jetzt (17 h) noch nicht. Jetzt muss ich mal beobachten, ob dies einen Zusammenhang damit haben könnte, dass ich seit Donnerstagabend stationär bin oder ob es mit dem Werkstattbesuch im September zusammenhängt, wo es ja um das Strommanagement ging – allerdings laut Werkstatt keine Korrektur erforderlich gewesen war.

Tag 6 + 7  Samstag/Sonntag 01./02.10.2016
Wien

Den gestrigen Tag verbrachte ich bis zum mittleren Nachmittag im und am Wohnmobil und habe Bürokram erledigt sowie mein Ausstellungsverzeichnis auf den neuesten Stand gebracht. Gegen halb vier bin ich in die Stadt gefahren und habe den Vorteil der nahen U-Bahn erneut genossen. Mit einmal Umsteigen ist man an den zentralen Orten von Wien, diesmal war Ziel der Stephansdom. Ein imposanter Bau, dem allerdings die umstehenden Bauten doch etwas die Luft zum Entfalten rauben – und mir die Sicht für gute Fotoaufnahmen. Wie üblich, herrscht in der Kirche Fotografierverbot. Der Eintritt in den hinteren Bereich ist kostenlos, den Sakralraum und die Seitenbereiche und Empore sowie die Türme kann man wohl nur im Rahmen einer Führung erkunden.

Von dort bin ich am Dorotheum vorbei zur Hofburg geschlendert. Für das Abendprogramm der Museumsnacht habe ich mich in einem griechischen Lokal mit köstlichem Gyros gestärkt. Rechtzeitig vor Eröffnung der Museumsnacht ab 18 Uhr stand ich bei meiner ersten Station, der Albertina Wien / www.albertina.at. Fürs Personal war es ein Durcharbeiten, denn um 18 Uhr endete der normale Museumsbetrieb. Auf dem Plateau der Albertina hatte sich bereits eine längere Schlange gebildet, ich war glücklicherweise im ersten Drittel. Um einerseits den Besuchern eine tatsächliche Besichtigung der Werke zu ermöglichen und andererseits die raumklimatischen Voraussetzungen für die Kunstwerke zu gewährleisten, wurde den ganzen Abend über immer nur eine bestimmte Besucherzahl eingelassen – ich war beim ersten Block. Zunächst führte mich der Weg in die aktuelle Sonderausstellung Wege des Pointillusmus – Seurat Signac Van Gogh u.a.  Allein diese Ausstellung hat für mich die Reise lohnenswert gemacht. Viele prächtige Bilder und Einblicke in diese wichtige Kunstepoche, die mit ihren Gestaltungserkenntnissen die Entwicklung vom Impressionismus und Naturalismus zum Expressionismus mit seinen Ausprägungen (Fauvismus, Brücke, Blaue Reiter) aber auch zu den Abstrakten vorbereitet hat. Obwohl ich bereits andere Ausstellungen zum Thema gesehen habe, war es überraschend, einer Vielzahl mir bisher unbekannter Namen zu begegnen, die mit beeindruckenden Werken verbunden waren. Interessanterweise startet am 27.10.2016 in der Münchner Villa Stuck eine Sonderausstellung zu einem solchen Namen, dem Holländer Jan Toorop. Also vormerken.

Einen kurzen Blick habe ich dann noch in die kommende Woche auslaufende Ausstellung mit Selbstporträts des amerikanischen Künstlers Jim Dine geworfen – stilistisch eine breite Bandbreite von sehr altmeisterlichen Zeichnungen bis hin zu lediglich expressiven Andeutungen.

Absolut sehenswert ist daneben auch die ständige Ausstellung der Sammlung Batliner, gelegentlich durch andere Dauerleihgaben ergänzt. Hier findet sich zwischen Monet bis Picasso und Klimt bis Beckmann wenn nicht alle, so doch viele, welche die Kunst in der Zeit 1860 bis 1933 beeinflusst haben – vereinzelt auch noch danach.

Verzichtet habe ich auf eine erneute Besichtigung der Prunkräume, auch wenn dort aus Anlass der Museumsnacht Dürers Hase aus dem Tresor genommen wurde und für wenige Stunden im Original zu sehen war (sonst ist – wie auch von anderen lichtempfindlichen Papierarbeiten – nur eine technisch hervorragende Replik zu sehen). Auch eine Sonder-Fotoausstellung zu Land und Leuten habe ich ignoriert, ebenso wie die Abteilung Contemporary von Andy Warhol bis Anselm Kiefer.

Bepackt mit dem gewichtigen Pointillismus-Katalog habe ich wenige hundert Meter entfernt im Internationalen Phantasten Museum Wien / www.facebook.com/phantastenmuseum im Palais Palffy am Josefsplatz 6 (rückwärtige Hofburg) eine seit 2011 existierende Ausstellung phantastischer Kunst aufgesucht. Das Museum knüpft an die sogenannte Wiener Schule des Phantastischen Realismus um den Künstler und Akademieprofessor Albert Paris Gütersloh an, dessen Schüler Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Arik Brauer, Wolfgang Hutter (sein Sohn), Anton Lehmden in den fünfziger Jahren unter diesem Richtungsbegriff in den Kunstmarkt drängten und über die Grenzen Wiens Einfluss erlangten. U.a. ist auch der in Isny residierende Friedrich Hechelmann als zweite Generation dieser Gruppierung verbunden. Internationale Beziehungen gibt es zu  einigen Surrealisten, insbesondere Salvador Dali.

Dies Museum hat mich umgehauen. Weniger durch die teilweise sehr interessanten Bilder, sondern mehr durch die Präsentation. Erster Eindruck: Hier waren keinesfalls Ausstellungsprofis am Werk. Hier hat jemand mit gutem Willen, aber wenig gestalterischen und konzeptionellen Talent eine Vielzahl von Bildern einer ebenso großen Zahl von Künstlern an die vorhandenen Wände einer etwas heruntergekommenen Wohnung oder Institution gehängt (angeblich war hier seit 1959 das Österreichische Kulturzentrum untergebracht – die Wandgestaltung stammt vermutlich auch aus der Zeit) und mit kurzen uneinheitlichen Beschriftungen versehen (diverse Papierarten und -größen und -farben, teils hand-, teils maschinenschriftlich), wenig informative Texte, wenn man von einigen geschichtlichen Einführungen am Anfang der Ausstellung absieht. Von Personal war ebenfalls weit und breit nichts zu sehen, außer im Untergeschoss, wo sie wohl eine Tanzveranstaltung sowie Mozart & Strauss Konzerte (laut ausliegendem Flyer täglich von 20-22 Uhr) betreuten. Ob der im Flyer beworbene Katalog mit 312 Seiten für 29 € einen besseren Eindruck macht oder ebenfalls dilettantisch gestaltet ist, entzieht sich meiner Kenntnis, da nirgends angeboten.

Nach ca. 30 Minuten war ich dem Ereignis entronnen und habe mich zum Shuttlebus-Treffpunkt beim Kunsthistorischen Museum aufgemacht, da ich mit der extra eingerichteten Buslinie, welche die etwas abseits liegende Kunstinstitutionen verbinden sollte, das Kunst Haus Wien. Museum Hundertwasser / www.kunsthauswien.com aufsuchen wollte. Diese Einrichtung ist nicht mit dem legendären Hundertwasserhaus in der Kegelgasse 36-38 zu verwechseln, welches zwar ein Touristenmagnet ist, als Sozialbau aber dem Wohnen dienen soll und daher nur äußerlich zu besichtigen ist.

Das Kunst Haus Wien ist in einer nach Hundertwassers Prinzipien umgebauten Thonet Bugholzmöbelfabrik eingerichtet. Im Erdgeschoss ist eine Gastronomie sowie der Shop untergebracht und im ersten und zweiten Stock wird ein Querschnitt durch das Schaffen von Hundertwasser präsentiert. An diesem Abend wurden wiederholend ca. halbstündige Führungen angeboten, die sehr informativ und anschaulich waren, zumal der Führer aus dem Umfeld von Hundertwasser stammte. Ein etwa 20minütiger Interviewfilm von Peter Schamoni mit Hundertwasser gab zudem Einblick in die Gedankenwelt des Künstlers, offenbarte aber auch eine etwas absolutistische Sichtweise auf die Welt und die Kunst.

In den obersten beiden Stockwerken ist Raum für Sonderausstellungen, derzeit des Magnum-Fotografen Martin Parr. Seine Art der Sozialfotografie, meist knallbunt und schnappschussartig aus dem Alltagsleben der Bürger, aber auch der High Society verblüfft immer wieder durch die kuriosen und absurden Seiten des Alltags und darüber, dass dieser wohl auch spöttische Grundzug nicht zu Ärger mit den Abgebildeten führt.

Obwohl zumindest die größeren Institutionen noch bis 1 Uhr geöffnet haben, entschloss ich mich kurz vor 23.30 Uhr, den Heimweg anzutreten.

Am heutigen Sonntagmorgen ging es dann nochmals in die Stadt, nun stand das Schloss Belvedere auf meinem Programm. Zunächst ging es ins Obere Belvedere / www.belvedere.at, in welchem die Sammlungen gezeigt werden von der sakralen Kunst über die höfische bis hin zu der Kunst des Biedermeier, des Impressionismus, des Jugendstils, Symbolismus und Expressionismus, dabei mit dem Schwerpunkt auf Klimt (Der Kuss) und Schiele.

Anschließend schlenderte ich die Parkanlage mit ihren Brunnenstaffeln hinunter zum Unteren Belvedere / www.belvedere.at, wo die zwei Sonderausstellungen Sünde und Secession – Franz von Stuck in Wien sowie Inspiration Fotografie von Makart bis Klimt präsentiert werden. Auch wenn Stuck auf seine Zeitgenossen offensichtlich erheblichen Eindruck gemacht hat und zum geadelten Künstlerfürsten mit herrschaftlicher Villa in München aufstiegt und er auch Zeitgenossen wie Edvard Munch oder nachfolgende Künstler wie Egon Schiele beeinflusst hat, so empfinde ich seine symbolistische Welt der Faune und Kentaur eher lächerlich – manchmal könnte man meinen, dass Stuck selbst dies auch mit diesem Blick gemalt hat, mit einem ironischen Unterton. Seine Portraitkunst und vor allem seine zeichnerischen Fähigkeiten beeindrucken mich jedoch immer noch.

Auf meiner Liste der Wiener Ausstellungshäuser wollte ich dann noch einen weißen Fleck tilgen, und habe das Wien Museum / www.wienmuseum.at aufgesucht, um dort ausschließlich deren Kunstabteilung ab 1800 anzuschauen, neben viel Biedermeier vor allem natürlich auch wieder einige Schiele und Klimt und Kokoschka. Beim Eintreten ins Haus stehe ich vor einem überfüllten Foyer. Dass dies nur zum geringeren Teil dem Umstand geschuldet war, dass der Eintritt an jedem ersten Sonntag im Monat kostenlos ist, zeigte sich spätestens beim Blick in die ständigen Abteilungen. Hauptsächlich ist wohl die aktuelle Ausstellung Sex in Wien. Lust, Kontrolle, Ungehorsam dafür verantwortlich, denn die Besuchermassen konzentrierten sich eindeutig als sich windende Schlange vor deren Eingang. Sex sells – auch oder wenn er heute mal kostenlos zu haben ist.

Eigentlich sollte am Nachmittag noch der geführte Stadtrundgang meines HOP ON HOP OFF Tickets absolviert werden, aber der zwischenzeitliche Regenschauer (während des Ausstellungsbesuchs) gab mir eine gute Entscheidungshilfe, dem Klagen meiner Füße doch Folge zu leisten und den Rückzug zum Stellplatz anzutreten.

Apropos freier Eintritt: Auch das Belvedere zeigte sich mir gegenüber großzügig, statt fürs Kombiticket 20 € zu bezahlen wollten sie von einem Schwerbehinderten nur 4 €.

Jetzt verbringe ich noch einen TV-Krimiabend in Wien und morgen geht die Rückreise über Salzburg los.

Beste Grüße für heute

Atze